Hornissenschutz in der Schweiz
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Hornissenleben von Mai bis Juni

 
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Das Jahr einer Hornissenkönigin


Anfang Mai ;

Die Temperaturen steigen langsam wieder an. Rechtzeitig zur Obstblüte, doch fehlen durch die lange Kälte die Bienen und Hummeln, welche sich noch in der Aufbauphase befinden, um die zahlreichen aufgehenden Blüten zu bestäuben.



Tote Hornissenjungkönigin bei der Räumung eines Hornissenkastens Mitte Mai;
sie hat den Winter nicht überlebt !


Die wärmenden Strahlen der Sonne dringen allmählich tiefer und tiefer in den Stamm, in welchem unsere Königin in der Spalte Schutz gefunden hat. Es kribbelt und zuckt in den Gliedern der Königin. Recken, strecken und ein paar erste Schritte in der Spalte Richtung Sonnenlicht. Einem innern Drang und Hunger folgend, verlässt unsere Königin ihren Überwinterungsplatz ohne Wiederkehr. Nachdem sie auf der Stammoberfläche die ersten wärmenden Sonnenstrahlen genossen hat, schwebt sie davon.
Unweit ihres Überwinterungsquartiers beginnt das Siedlungsgebiet. Zahlreiche Gärten, Obstwiesen sind vereinzelt noch vorhanden, Sträucher und Hecken, grosse und kleine Bäume und zahlreiche Nischen und Hohlräume gestalten den Ort ideal. Unsere Königin verpflegt sich an einer blühenden Berberitze, wo sich auch andere Wespen-, Hummel- und Hornissenköniginnen einfinden.
Man geht sich aus dem Weg und dennoch finden sich ab und an mehrere Hornissenköniginnen in einem alten letztjährigen Hornissennest zusammen. Jedoch in getrennten „Zimmern“. Auch unsere Königin hat, angezogen durch den Duft des alten Hornissennestes und der Kotstelle einen Hornissenkasten gefunden und diesen in kühleren Nächten als Quartier bezogen.
Der Drang nach einem eigenen Nistplatz wird grösser. Unsere Königin schaut sich tags drauf in einem nordwest ausgerichteten offenen Dachstock um. Doch das „Klima“ und die Ausrichtung zur Sonne stimmen nicht, da eine Wand im Süden diese im dahinter liegenden Dachraum zurück hält! Durch einen Spalt unter den Ziegeln findet sie einen Weg nach draussen und umfliegt die Hausseite Richtung Süden. Dort inspiziert sie nun das Dach, die Ziegel und findet den einen oder andern Zugang. Überprüft diesen und jenen Zugang und findet neben der Ausgangstür zur Dachterrasse eine Möglichkeit über das Regenabschlussblech unter einem Ziegel ins innere des Dachstocks. Nach einer ersten ausführlichen Begutachtung, sowohl drinnen wie draussen, steht fest – hier bleibt sie!
Ihrem innern Antrieb oder auch ihrer Uhr folgend beginnt sie mit dem Bau eines ersten feinen Ansatzes am Blech im Dachstock gleich beim Sparen neben der Terrassentür. Ihr Baumaterial findet die Königin gleich in der Nachbarschaft an einem morschen Ast einer Birke. Nach und nach wächst aus dem Ansatz ein glänzendes festes Stielchen, welches stark verklebt wird. Unsere Königin nimmt mit ihrem Körper immer wieder Mass, ehe sie mit den ersten Zellen beginnt. Die ersten drei Zelldächer entstehen und hat die Leibung etwa zwei Millimeter erreicht, werden die ersten Eier in die Zellen geklebt. Ab Mitte Mai wächst der kleine Bau Tag für Tag.



Hornissenkönigin beim Nestbau am 18. Mai fotografiert !


Unsere Königin arbeitet an schönen Tagen fast 24 Stunden am Stück. Kaum eine Ruhepause. Die Larven sind nach zwei Tagen geschlüpft und betteln nun nach Futter. Fortan fliegt die Königin häufiger zur Jagd aus. Sie erbeutet viele verschiedene Fliegenarten, Bremsen, Heuschrecken, von welchen sie nur den muskelreichen Brustteil zur Fütterung ihrer Nachkommenschaft verwendet. Einen Teil davon verzehrt sie selbst, da zur Eiproduktion tierische Eiweisse nötig sind. Sie arbeitet fleissig und unermüdlich.
Unsere Königin baut am Nest, erweitert die Zellen und das Zellendach zu einer ersten kleinen Etage. Auch der Schirm um diese Etage wird fortlaufend erweitert. So bleibt an weniger schönen Tagen, die durch die Königin abgegebene Wärme etwas im Nestbereich gefangen. Wird es hingegen zu heiss, so breitet die Königin auf dem Etagendach herbei getragenes Wasser aus, fächert mit den Flügeln Luft und sorgt durch die Verdunstung und die Luftzirkulation für den Abtransport der Wärme. Das Nest wird gekühlt. Unsere Königin jagt und sammelt für sich und die hungrigen Larven im Nest. Die Zellen werden mit dem Wachstum der Larven Länger und durch unsere Königin fortlaufend erweitert. Der Schirm wächst allmählich um die errichteten Zellen herum. Genau so weit entfernt, damit sich die Königin ungehindert darunter bewegen kann.

80% Ausfall: Durch Menschenhand, Umwelt und Rivalitäten !

Drei Bilder einer durch Menschenhand getöteten Hornissenkönigin, ...



... welche im Teppenhaus eines Hauses zu einer Umquartierung ...



... aufgelesen und zu Hause fotografiert wurde. Schicksal vieler Wespenköniginnen im Frühling !


Eine andere Hornissenkönigin hat sich einen Meisennistkasten als Nistplatz ausgesucht und hatte bislang eine ähnliche Entwicklung durchlebt. Heute ist jedoch etwas anders! Als sie von ihrer Jagt zurückkehrt, bemerkt sie, dass auf dem Kastendach eine Königinschwester sitzt. Im letzten Herbst im selben Nest zur Welt gekommen, aufgefüttert worden und heute eine Todfeindin – eine Konkurrentin, eine Rivalin! Die Zukunft dieses jungen Staates steht auf Messers Schneide. Die Königin fliegt unter ständiger Beobachtung den Meisennistkasten an und verschwindet im Flugloch. Gleich setzt die „fremde“ Königin zu einem Drohflug an und schwirrt bedrohlich tief brummend vor dem Flugloch Zickzack. Sie setzt sich provokativ neben das Flugloch auf die Front des Kastens. Als die Staatenmutter zum erneuten Ausflug abhebt, wird sie von der „fremden“ Königin verfolgt und kurz attackiert. Die Fremde lässt wieder ab und setzt sich zurück auf das Kastendach.
Als die Staatenmutter nach einigen Minuten mit Baumaterial zum Meisenkasten zurückkehrt, startet die „fremde“ Königin einen Angriff. Im Luftkampf lässt die Staatenmutter das Baumaterialknöllchen fallen. Beide trudeln zu Boden. Die Staatenmutter kann sich befreien und flüchtet in den Kasten. Die „fremde“ Königin setzt sich erneut auf das Kastendach, während sich die Staatenmutter auf der Etage vom ersten Schreck erholt und sich kurz der Körperpflege widmet.
Die angespannte Ruhepause hält jedoch nicht lange an, die „fremde“ Königin startet zum entscheidenden Angriff und dringt in den Kasten ein. Sie krabbelt tief atmend und mit den Flügeln bedrohlich zitternd ins Nest hoch. Die Staatenmutter erkennt den Ernst der Lage und geht ihrerseits zur Verteidigung ihres Nestes in Position. Die Kontrahentinnen treffen an der Nesthüllenkante aufeinander und geraten sich in die Antennen, die Beine und an die Flügel. Sie umklammern sich, versuchen sich zu stechen, zu beissen, verlieren den Halt am Nest und stürzen auf das alte Vogelnest im Kasten. Flügel fallen, eine Antenne zuckt zum letzten Mal auf dem Moos des alten Vogelnestes, ein gezielt sitzender Stich. Stille. Krämpfe durchziehen einen der beiden Körper. Sie ist getroffen und erliegt dem „eigenen“ Gift! Die siegreiche Königin beginnt sich zu putzen, ihr fehlt eine Antenne und sonst scheint alles in Ordnung zu sein. E twas entkräftet krabbelt sie ins Nest um sich auf dem Etagendach kurz eine Ruhepause zu gönnen. Angeschmiegt sitzt die siegreiche Königin auf dem Etagendach, doch es ist nicht die Staatenmutter, sondern die „fremde“ Königinschwester, welche den Kampf um die Vorherrschaft in diesem Revier für sich gewonnen hat.



In diesem Meisennistkasten hatte die Königin bereits einen kleinen Hofstaat, ...



... als sich die fremden Königinnen Zutritt verschafft hatten und ...



... drei Übernahmeversuche abgewehrt wurden ! Jedoch erst Anfang Juli 2014 fotografiert.


Von alledem hat unsere Königin im Dachstock nichts mitbekommen und ist ihren Aufgaben nachgegangen. Ihre Larven sind in den vergangenen Tagen und Wochen gewachsen, dick, lang und tonnenförmig geworden. Die Larven haben zwar zwei Füsschen, mit denen sie sich an der Zellendecke festhalten können, doch mit zunehmendem Volumen stämmen sie sich gegen die Zellwände.
Nach etwa zwei Wochen ist es dann so weit, die erste Larve spinnt einen seidenen Deckel über ihrem Kopf von Zellenrand zu Zellenrand. Aus einer Drüse am Kopf wird ein Sekret ausgeschieden, welches an der Luft zu einem Seidenfaden aushärtet und eine luftdurchlässigen Deckel entstehen lässt. In dieser Puppenwiege ist die Larve nun bereit, ihre letzte Häutung bzw. die Metamorphose zur Hornisse zu durchlaufen.
In zwei Wochen durchläuft die Larve verschiedene Entwicklungsstadien zum voll ausgeformten erwachsenen Insekt – einer Arbeiterin.
Unsere Königin arbeitet derweil unermüdlich weiter, denn in den Nachbarzellen kratzen die Larven hungrig an den Zellwänden. Nun wird sich etwa alle ein bis zwei Tage eine Larve einspinnen. Den Hüllenschirm um die Erstlingswaben hat unsere Königin in den vergangenen Tagen weiter geschlossen. Kugelförmig zieht er sich langsam nach unten enger zu, bis auf eine Öffnung von etwa zwei Zentimeter Durchmesser.

Zweite Woche Juni ;

Unter dem Seidendeckel der zweiten Zelle regt sich etwas. Mit Speichel und ihrer Zunge benetzt die Arbeiterin von innen den Deckel und beginnt mit ihren Kiefern eine Angriffsstelle zu suchen. Nach und nach beisst sich die Arbeiterin aus ihrer Puppenwiege. Unsere Königin kümmert sich kaum um das Geschehen, sie fliegt ihrem Tagesgeschäft nach. Auch in Zukunft werden die Arbeiterinnen sich alleine aus ihren Puppenwiege befreien müssen. Erst wenn die Arbeiterin sich voll befreit hat, wird sie mit Futter versorgt.



Schlupf einer Hornissenarbeiterin und oben links darüber eine jüngere Arbeiterin mit glatten Flügeln.
Die Königin sitzt unterm Schirm auf der Wabe rechts im Bild.


Endlich ist es geschafft. Sie sieht blass aus, aber nicht etwa weil es ihr nicht gut geht oder der Anstrengung wegen, sondern weil ihr Chitinpanzer noch weich ist. Auch liegen beide Flügelpaare noch glatt am Körper an. Erst nach mehreren Stunden beginnt sich die Färbung in der gewohnten und späteren Intensität auszubilden. Durch die Bewegung der Flugmuskulatur und das Flattern mit de Flügeln wird es der Arbeiterin auch möglich ihre Oberflügel der Länge nach zu falten.
Von daher rührt auch der Name Faltenwespe für die ganze Familie der Vespidae !

Nun wäre sie eigentlich bereit auszufliegen, doch noch fehlt das Training. Als erstes widmet sich die Arbeiterin nun ihrer Zelle und säubert diese. Kopfüber hinein gestiegen wärmt die Arbeiterin ihre Kolleginnen im Puppen- oder Larvenstadium in den Nachbarzellen. Als nächstes erledig sie kleinere Arbeiten im Nest und erkundet dasselbe. Mit Spaziergängen zum Nesteingang oder Zugang erweitert die junge Arbeiterin ihren Radius und beginnt mit den ersten Flugübungen. Nach und nach wird dies Abheben, zum Eingang drehen und davor einige Male zu pendeln in grösser werdenden Abstände zu beobachten sein. Die junge Arbeiterin prägt sich so den Eingang und die umgebende Struktur ein. Etwa am dritten Tag folgt dann der erste Ausflug. Ihre erste Aufgabe wird die Besorgung von Wasser und später von Kohlenhydraten für die Nestlinge sein.

Auch bei der siegreichen Königin im Vogelnistkasten hat sich unterdessen einiges getan. Auch sie hat zur Entlastung bereits mehr als ein Dutzend Arbeiterinnen und fliegt nicht mehr aus. Eine gefahrvolle Zeit findet langsam ein Ende!


- Aktualisiert am 19.10.2017 -